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Was kann Massage beim Pferd bewirken?

Massage gehört bei vielen Pferdebesitzer:innen ganz selbstverständlich zum Management ihres Pferdes dazu. Sie wird zur Entspannung eingesetzt, bei Rücken- und Muskelproblemen oder im Rahmen von Training und Rehabilitation. Aber wie gut ist eigentlich belegt, dass Massage beim Pferd diese Wirkungen tatsächlich hat? Genau dieser Frage sind Bergh et al.[1] in einem systematischen Review nachgegangen. Sie werteten die bis 2020 veröffentlichte wissenschaftliche Literatur zu Massage und anderen Formen der Weichteilmobilisation bei Pferden, Hunden und Katzen aus.

Für den Review wurden zunächst 1.189 Publikationen gefunden. Nach dem Screening erfüllten nur 11 Studien die festgelegten Einschlusskriterien. Neun davon beschäftigten sich mit Massage, zwei mit Dehnung. Insgesamt wurden 279 Pferde und 18 Hunde untersucht. Dies bedeutet zunächst lediglich, dass es nur wenige Studien gibt, die diese Wirkung mit ausreichend guter wissenschaftlicher Methodik untersucht haben. Und genau hier wird es interessant.

Die meisten Studien hatten methodische Schwächen

Von den neun eingeschlossenen Massagestudien wurden sechs mit einem hohen und drei mit einem moderaten Risiko für Bias bewertet. Unter anderem fehlten häufig Informationen zur statistischen Planung und zur Randomisierung. Keine der Studien verwendete eine verblindete Bewertung. Auch über mögliche Ausfälle von Tieren während der Untersuchung wurde nicht berichtet. Zusätzlich unterschieden sich die untersuchten Massagetechniken und die gemessenen Ergebnisse teilweise erheblich voneinander. Dadurch lassen sich die einzelnen Studien nur eingeschränkt miteinander vergleichen. Das ist bei Massage besonders relevant: „Massage“ ist wissenschaftlich kein einheitliches Verfahren. Je nach Studie wurden beispielsweise Streichungen, Knetungen, Reibungen, Vibrationen oder andere Techniken eingesetzt.

Hinweise auf Entspannung gibt es

Trotz der methodischen Einschränkungen fanden sich in mehreren Studien Hinweise auf unmittelbare Veränderungen von Herzfrequenz und Verhalten. Sieben der neun Massagestudien berichteten über einen positiven oder erwarteten Effekt, wobei sich diese Ergebnisse vor allem auf Herzfrequenz und Verhaltensänderungen bezogen. Zwei Studien mit moderatem Bias-Risiko zeigten beispielsweise eine Abnahme der Herzfrequenz nach der Massage. Das kann mit einer entspannteren Reaktion des Pferdes vereinbar sein. Allerdings sollte auch hier nicht aus einem einzelnen Messwert zu viel abgeleitet werden. Eine niedrigere Herzfrequenz bedeutet nicht automatisch, dass ein Pferd „glücklicher“ oder schmerzfrei ist. Sie ist zunächst eine physiologische Veränderung, deren Bedeutung vom jeweiligen Kontext abhängt. Interessant ist außerdem, dass nicht alle Ergebnisse in dieselbe Richtung gingen. In einer Studie mit Pferden, die stereotype Verhaltensweisen zeigten, führte die Massage beispielsweise nicht zu der erwarteten Senkung der Herzfrequenz, sondern zu einem Anstieg.

Was ist mit Muskulatur, Durchblutung und „Verklebungen“?

Hier wird die Datenlage noch dünner. Massage wird häufig mit Wirkungen wie einer verbesserten Durchblutung, einer Verringerung von Muskelspannung oder einer Veränderung des Gewebes begründet. Der Review zeigt jedoch, dass viele dieser angenommenen Wirkmechanismen beim Pferd bislang nicht ausreichend untersucht wurden. Besonders interessant: Keine der eingeschlossenen Studien untersuchte die Muskelperfusion, obwohl eine verbesserte Durchblutung häufig als mögliche Erklärung für positive Massageeffekte herangezogen wird. Auch Aussagen wie „Massage löst Verklebungen“ oder „Massage baut Schlackenstoffe ab“ lassen sich aus diesem Review daher nicht wissenschaftlich ableiten.

Der Review unterscheidet außerdem zwischen Anwendungen, die auf die Therapie einer Erkrankung oder Verletzung abzielen, und Anwendungen, die vor allem Entspannung und Wohlbefinden fördern sollen. Das ist für die praktische Arbeit ein wichtiger Unterschied. Eine Massage kann für ein Pferd angenehm sein und möglicherweise unmittelbare physiologische oder verhaltensbezogene Veränderungen hervorrufen. Daraus folgt aber nicht automatisch, dass sie eine bestehende Erkrankung behandelt oder eine tierärztliche Therapie ersetzen kann. Die Autor:innen kommen deshalb zu dem Schluss, dass die derzeitige wissenschaftliche Evidenz nicht ausreicht, um die klinische Wirksamkeit und Effektivität von Massage und Dehnung bei Sport- und Begleittieren eindeutig zu bestimmen.

Was ich daraus für meine Massage ableite

Massage muss nicht mit großen Versprechen beworben werden, damit sie sinnvoll sein kann. Ich möchte deshalb nicht behaupten, dass eine Massage jede Verspannung löst, Schmerzen lindert oder bestimmte Strukturen „wieder in Ordnung bringt“. Stattdessen geht es darum, Berührung als mögliche unterstützende Maßnahme einzusetzen und die Reaktion des Pferdes während und nach der Anwendung zu berücksichtigen. Und wenn ein Pferd Schmerzen, eine deutliche Bewegungsauffälligkeit oder einen anderen gesundheitlichen Befund zeigt, gehört die Ursache entsprechend abgeklärt. Massage darf angenehm und sinnvoll sein, ohne dass man ihr Wirkungen zuschreiben muss, die wissenschaftlich bisher nicht ausreichend belegt sind.

Quelle

[1] Bergh A, Asplund K, Lund I, Boström A, Hyytiäinen H. A Systematic Review of Complementary and Alternative Veterinary Medicine in Sport and Companion Animals: Soft Tissue Mobilization. Animals. 2022;12:1440. doi:10.3390/ani12111440.

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