Warum der Merkspruch „down to sound“ zu kurz greift
„Down on sound“ gehört zu den bekanntesten Merksprüchen bei der Beurteilung von Vorderhandlahmheiten. Gemeint ist damit das Prinzip, dass der Kopf des Pferdes beim Auftreten auf dem „gesunden“ Vorderbein nach unten geht und beim Auftreten auf dem „lahmen“ Bein nach oben. So lässt sich der Spruch zwar leicht merken; die tatsächliche Bewegung des Kopfes ist aber etwas komplexer. Auch Baxter [1] weist darauf hin, dass diese klassische Erklärung des „head nod“ nicht exakt ist. Als genauere Beschreibung wird dort „lowest on sound“ genannt.
Kopfbewegung beim lahmfreien Pferd
Beim Traben bewegt sich der Körper eines lahmfreien Pferdes innerhalb eines Gangzyklus regelmäßig nach oben und unten. Der Kopf folgt dabei normalerweise diesem Bewegungsmuster. Bei einem symmetrisch trabenden Pferd entstehen dadurch periodische Bewegungen: Der Kopf erreicht während der Bewegung bestimmte obere und untere Positionen, die sich von Schritt zu Schritt wiederholen. Das bedeutet auch: Eine Auf- und Abbewegung des Kopfes ist zunächst völlig normal. Erst Unterschiede zwischen den Bewegungen der beiden Vordergliedmaßen im Zusammenhang mit dem Kopf werden für die Beurteilung des Gangbildes interessant.
Bei einer Vorderhandlahmheit verändert sich das normale Bewegungsmuster. Das Pferd versucht, die Belastung der schmerzhaften Gliedmaße zu reduzieren. Dadurch verändert sich unter anderem die vertikale Bewegung des Kopfes. Die klassische Beschreibung „down on sound“ konzentriert sich dabei darauf, wann der Kopf nach unten beziehungsweise nach oben geht. Das Problem: Diese Beschreibung berücksichtigt nicht vollständig, dass sich die Kopfposition während eines gesamten Bewegungszyklus verändert.
Statt nur zu fragen, ob der Kopf beim Auftreten auf dem gesunden oder lahmen Bein nach unten geht, kann deshalb die tiefste Kopfposition betrachtet werden. Bei einer Vorderhandlahmheit liegt die tiefste Kopfposition während der Stützphase typischerweise auf der Seite des gesunden beziehungsweise weniger betroffenen Vorderbeins. Daher ist „lowest on sound“ die präzisere Beschreibung des beobachteten Bewegungsmusters als der klassische Merkspruch „down on sound“.
Für eine objektive Ganganalyse ist außerdem interessant, dass nicht nur die tiefste Position des Kopfes betrachtet werden kann. Die vertikale Kopfbewegung lässt sich als zeitlicher Verlauf darstellen. Dabei können beispielsweise die maximale und minimale Kopfposition innerhalb eines Bewegungszyklus bestimmt und miteinander verglichen werden. Bei einer Lahmheit können sich diese Positionen zwischen den beiden Vordergliedmaßen unterscheiden. Die gesamte Veränderung der Kopfbewegung ergibt sich dabei aus dem Zusammenspiel verschiedener Positionen innerhalb des Bewegungszyklus. Genau deshalb ist eine Betrachtung des kompletten Bewegungsverlaufs informativer als ein einzelner Moment.
„Down on sound“ ist deshalb nicht einfach komplett falsch. Der Merkspruch versucht, ein tatsächlich beobachtbares Bewegungsmuster möglichst einfach zu beschreiben. Er wird aber problematisch, wenn man ihn als alleinige Regel zur Bestimmung der lahmen Gliedmaße verwendet. Die Kopfbewegung ist eine dynamische Bewegung über den gesamten Gangzyklus. Je nach Ausprägung und Art der Lahmheit können die beobachtbaren Bewegungsmuster außerdem komplexer sein als die einfache Regel „gesund = Kopf runter, lahm = Kopf hoch“. Der Merkspruch ist also ein guter Einstieg in das Thema, die tatsächliche Biomechanik dahinter ist jedoch deutlich komplexer.
Quelle
[1] Baxter GM, Hrsg. Adams and Stashak’s Lameness in Horses. 7. Auflage. Wiley-Blackwell; 2020. ISBN 978-1-119-27668-5.
