Symmetrie und Asymmetrie im Gangbild

Bei der objektiven Ganganalyse wird unter anderem untersucht, wie sich bestimmte Körperbereiche des Pferdes während der Bewegung auf und ab bewegen. Unterschiede zwischen den Bewegungen der linken und rechten Körperseite können dabei als Bewegungsasymmetrien beschrieben werden. Eine wichtige Grundlage dafür ist die vertikale Bewegung von Kopf, Widerrist und Becken. Diese Körperbereiche zeigen charakteristische Bewegungsmuster, die sich bei asymmetrischer Bewegung verändern können [1–3].
Dabei darf man sich das Gangbild allerdings nicht als vollkommen gleichförmige Bewegung vorstellen. Ein Pferd bewegt sich nicht in jedem einzelnen Schritt exakt gleich. Auch bei einem unauffälligen Bewegungsmuster können natürliche Schwankungen zwischen den einzelnen Bewegungszyklen auftreten. Deshalb sollte nicht eine einzelne Bewegung isoliert betrachtet werden, sondern möglichst mehrere aufeinanderfolgende Schritte. Auch bei der Auswertung müssen diese natürlichen Schwankungen berücksichtigt werden [1–3].
Asymmetrie darf nicht mit Lahmheit gleichgesetzt werden
Eine Bewegungsasymmetrie beschreibt zunächst lediglich einen Seitenunterschied. Sie ist keinesfalls mit einer Lahmheit gleichzusetzen. Die wissenschaftliche Literatur zeigt, dass die Unterscheidung zwischen physiologischer Asymmetrie und einer Asymmetrie mit pathologischem Hintergrund schwierig sein kann [4, 5]. Untersuchungen haben beispielsweise gezeigt, dass sich bei einer Lahmheit Veränderungen der vertikalen Kopf-, Widerrist- oder Beckenbewegung beobachten lassen [1–3]. Gleichzeitig können Bewegungsasymmetrien auch bei Pferden auftreten, die klinisch nicht als lahm beurteilt werden. Deshalb lässt sich aus einem einzelnen Symmetriewert nicht ableiten, warum sich ein Pferd asymmetrisch bewegt [4, 5]. Genau hier liegt eine wichtige Grenze der objektiven Ganganalyse: Eine Messung kann eine Bewegung beschreiben und Unterschiede quantifizieren. Sie erklärt aber nicht automatisch deren Ursache. Die Diagnose einer Lahmheit und die Beurteilung ihrer Ursache bleiben daher Aufgabe der Tierärztin bzw. des Tierarztes.
Was objektive Messungen dabei leisten können
Wenn kleine Bewegungsunterschiede beurteilt werden sollen, stößt auch die rein visuelle Beurteilung an Grenzen. Die Einschätzung von Bewegungsasymmetrien kann zwischen verschiedenen Personen unterschiedlich ausfallen, insbesondere wenn die Unterschiede gering sind [6]. Eine objektive Ganganalyse setzt deshalb an einer anderen Stelle an: Die Bewegung wird nicht nur beobachtet, sondern messbar gemacht. Statt sich ausschließlich auf den visuellen Eindruck zu verlassen, werden die Bewegungsverläufe aufgezeichnet und anhand definierter Messgrößen ausgewertet. Das Ziel ist also nicht, aus einem Messwert eine Erklärung dafür abzuleiten. Es geht vielmehr darum, Bewegung objektiv zu beschreiben und dadurch zusätzliche Informationen zu gewinnen, die mit dem bloßen Auge schwerer zu erfassen sein können.
Quellen
[1] Buchner, H., Savelberg, H., Schamhardt, H., & Barneveld, A. (1996). Head and trunk movement adaptations in horses with experimentally induced fore- or hindlimb lameness. Equine Veterinary Journal, 28(1), 71–76. DOI: 10.1111/j.2042-3306.1996.tb01592.x.
[2] Rhodin, M., et al. (2018). Vertical movement symmetry of the withers in horses with induced forelimb and hindlimb lameness at trot. Equine Veterinary Journal, 50(6), 818–824. DOI: 10.1111/evj.12844.
[3] Kramer, J., Keegan, K., Kelmer, G., & Wilson, D. (2004). Objective determination of pelvic movement during hindlimb lameness by use of a signal decomposition method and pelvic height differences. American Journal of Veterinary Research, 65(6), 741–748. DOI: 10.2460/ajvr.2004.65.741.
[4] Macaire, C., et al. (2022). Investigation of thresholds for asymmetry indices to represent the visual assessment of single limb lameness by expert veterinarians on horses trotting in a straight line. Animals, 12(24), 3498. DOI: 10.3390/ani12243498.
[5] Bathe, A., Judy, C., & Dyson, S. (2018). Letter to the editor: Do we have to redefine lameness in the era of quantitative gait analysis? Equine Veterinary Journal, 50(2), 273. DOI: 10.1111/evj.12791.
[6] Keegan, K., et al. (2010). Repeatability of subjective evaluation of lameness in horses. Equine Veterinary Journal, 42(2), 92–97. DOI: 10.2746/042516409X479568.
