Massage gegen Stress beim Pferd: was zeigt die Forschung?
Massage wird bei Pferden häufig mit Entspannung und Stressreduktion in Verbindung gebracht. Aber lässt sich das auch messen? Kędzierski et al. [1] untersuchten genau diese Frage bei 120 jungen Vollblutarabern während ihrer ersten Rennsaison. Die Pferde wurden über sechs Monate begleitet und erhielten entweder regelmäßig eine entspannende Massage, entspannende Musik oder keine dieser zusätzlichen Maßnahmen. Als Messgröße verwendeten die Forschenden unter anderem die Cortisolkonzentration im Speichel.Die untersuchten Pferde waren zu Beginn der Studie 28 bis 31 Monate alt und wurden für ihre erste Rennsaison auf eine Rennbahn gebracht. Dort waren sie einem regelmäßigen Trainings- und Rennbetrieb ausgesetzt. Die Pferde wurden zufällig drei Gruppen zugeteilt:
- Massagegruppe: 48 Pferde
- Musikgruppe: 48 Pferde
- Kontrollgruppe: 24 Pferde
Die Massagegruppe erhielt drei Mal pro Woche eine etwa 25–30-minütige Ganzkörpermassage. Die Anwendung umfasste unter anderem Streichungen, Knetungen, Schüttelungen und Klopfmassage und wurde an verschiedenen Bereichen von Hals, Schulter, Rücken, Kruppe und Gliedmaßen durchgeführt. Die Pferde der Musikgruppe hörten dagegen an fünf Tagen pro Woche mehrere Stunden speziell komponierte Musik. Die Kontrollgruppe erhielt keine dieser zusätzlichen Maßnahmen.
Um Veränderungen des Stressniveaus zu untersuchen, entnahmen die Forschenden über die sechs Monate hinweg regelmäßig Speichelproben. Dabei wurden jeweils zwei Proben genommen: eine morgens in Ruhe und eine nach dem Training. Die Cortisolkonzentration wurde anschließend im Labor bestimmt. Cortisol ist dabei nicht einfach ein „Stresswert“, der unabhängig von allen anderen Faktoren interpretiert werden kann. Auch körperliche Belastung kann die Cortisolkonzentration beeinflussen. Deshalb ist gerade der Vergleich zwischen den Gruppen und unter ähnlichen Trainingsbedingungen wichtig.
In der Massagegruppe war die Cortisolkonzentration niedriger
Zu Beginn der Untersuchung unterschieden sich die drei Gruppen hinsichtlich der Cortisolkonzentration nicht. Bei den späteren Messungen zeigte sich jedoch ein Unterschied: In den zweiten, dritten, vierten und sechsten Messungen lag die Cortisolkonzentration in Ruhe sowohl bei der Massage- als auch bei der Musikgruppe signifikant niedriger als in der Kontrollgruppe. Bei den Messungen nach dem Training war der Unterschied weniger durchgehend. In der Massagegruppe waren die Werte bei der zweiten und sechsten Messung signifikant niedriger als in der Kontrollgruppe. Außerdem lagen die Werte der Massagegruppe bei der fünften und sechsten Messung niedriger als in der Musikgruppe. Die Ergebnisse sprechen damit dafür, dass die regelmäßig durchgeführte Massage in dieser Untersuchung mit niedrigeren Speichel-Cortisolwerten während der Rennsaison verbunden war.
Ein besonders interessanter Punkt der Studie ist der zeitliche Abstand zwischen Massage und Cortisolmessung. Die Pferde wurden nach dem Training massiert. Die morgendlichen Speichelproben wurden dagegen erst am nächsten Morgen in Ruhe genommen. Die Forschenden beobachteten trotzdem niedrigere Cortisolwerte in der Massagegruppe. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass eine einzelne Massage über viele Stunden hinweg einen bestimmten „Entspannungseffekt“ auslöst. Untersucht wurde eine regelmäßige Massage über einen Zeitraum von sechs Monaten. Die Studie erlaubt daher vor allem Aussagen über dieses konkrete Anwendungsschema.
Einfluss auf die Leistungsfähigkeit
Die Forschenden betrachteten zusätzlich verschiedene Leistungsparameter aus den offiziellen Rennergebnissen. Bei den Pferden der Massagegruppe waren die Anzahl gewonnener Rennen, das Preisgeld pro Rennen und der Erfolgskoeffizient höher als in der Kontrollgruppe. Zwischen Massage- und Musikgruppe bestanden bei den untersuchten Leistungsparametern jedoch keine signifikanten Unterschiede. Hier sollte man allerdings vorsichtig sein: Die Studie zeigt einen Zusammenhang zwischen der Gruppenzugehörigkeit und diesen Rennparametern, sie beweist nicht, dass die Massage die bessere Rennleistung verursacht hat. Die eigentliche Untersuchung war auf die Auswirkungen der Entspannungsverfahren auf Cortisol ausgerichtet.
Was die Studie nicht zeigt
Die Ergebnisse sind interessant, aber sie haben einen klaren Rahmen. Untersucht wurden junge Vollblutaraber in ihrer ersten Rennsaison unter den Bedingungen eines Rennstalls. Daraus lässt sich nicht automatisch ableiten, dass dieselben Effekte bei jedem Freizeitpferd, älteren Pferd oder Pferd mit einem anderen Haltungssystem auftreten. Außerdem wurde nicht untersucht, ob Massage beispielsweise Schmerzen lindert, Verletzungen schneller verheilen, die Beweglichkeit dauerhaft verbessert oder den Muskelaufbau fördert. Dafür braucht es andere Studien mit entsprechenden Messgrößen. Auch die Cortisolkonzentration allein kann nicht sämtliche Aspekte des emotionalen Zustands eines Pferdes abbilden.
Die Studie liefert allerdings einen Hinweis darauf, dass regelmäßige Massage unter den untersuchten Bedingungen mit einer niedrigeren Speichel-Cortisolkonzentration verbunden war. Das ist wesentlich konkreter als die pauschale Aussage, Massage „entspannt das Pferd“. Gleichzeitig zeigt die Studie auch, warum man wissenschaftliche Ergebnisse immer im Kontext betrachten sollte: Die Pferde, die Anwendung, die Häufigkeit, die Haltungsbedingungen und die untersuchte Messgröße waren klar definiert.
Quelle
[1] Kędzierski W, Janczarek I, Stachurska A, Wilk I. Massage or music meant to be relaxing, result in lowering salivary cortisol concentration in race horses. Pferdeheilkunde. 2017;33:146–151. doi:10.21836/PEM20170206.
