Knowledgebase · Ganganalyse

Kompensationsbewegungen verstehen

Eine Bewegungsasymmetrie zeigt zunächst nur, dass sich Bewegungen, die mit den Extremitäten der linken Körperseite zusammenhängen, von der der rechten Körperseite unterscheiden. Interessant wird es, wenn man zusätzlich betrachtet, wie sich Kopf, Widerrist und Becken zueinander verhalten. Denn eine auffällige Bewegung an einer Körperregion muss nicht zwangsläufig dort entstehen, wo die eigentliche Ursache liegt. Bei einer Lahmheit können Veränderungen an anderen Körperregionen als Kompensationsbewegungen auftreten [1–4]. Das macht die Interpretation von Bewegungsdaten gleichzeitig spannend und anspruchsvoll.

Beim Traben sind die Bewegungen der verschiedenen Körperbereiche miteinander gekoppelt. Verändert sich die Belastung einer Gliedmaße, kann sich dadurch auch die Bewegung des Rumpfes, des Kopfes oder des Beckens verändern [1, 2]. Bei einer asymmetrischen Bewegung der Vordergliedmaße wurden beispielsweise Veränderungen der Beckenbewegung beschrieben. Umgekehrt können bei einer asymmetrischen Bewegung der Hintergliedmaße kompensatorische Bewegungen des Kopfes auftreten [2–4].

Das bedeutet: Eine auffällige Bewegung an einer Körperregion kann eine Reaktion auf eine andere Bewegung sein.

Besonders anschaulich ist die Bewegung des Kopfes bei einer Hinterhandlahmheit. Bei einer asymmetrischen Bewegung der Hintergliedmaße kann der Kopf während der entsprechenden diagonalen Stützphase nach unten bewegt werden. Diese Kopfbewegung kann dadurch wie eine Asymmetrie der gleichseitigen Vordergliedmaße aussehen, obwohl der Ursprung im Bereich der der Hintergliedmaße liegt [1–4]. Gleichzeitig kann sich der Widerrist in die entgegengesetzte Richtung bewegen. Genau dieses unterschiedliche Verhalten von Kopf und Widerrist kann zusätzliche Informationen darüber liefern, ob eine beobachtete Kopfbewegung möglicherweise kompensatorisch ist [1, 3]. Die Bewegungen des Kopfes und des Widerrists sollten deshalb nicht isoliert voneinander betrachtet werden.

Kompensation funktioniert nicht nur über den Kopf. Bei einer asymmetrischen Vorderhandbewegung können auch Veränderungen der Beckenbewegung auftreten [2, 3]. Dadurch kann das Becken eine Asymmetrie zeigen. Solche sogenannten kompensatorischen Bewegungen wurden sowohl unter Laufbandbedingungen als auch bei Pferden untersucht, die auf gerader Strecke trabten [2–4].

Das zeigt, warum mehrere Messpunkte sinnvoll sind: Erst das Zusammenspiel verschiedener Körperbereiche liefert aussagekräftige Informationen über das Bewegungsmuster. Die unterschiedlichen Bewegungsmuster können anschließend miteinander verglichen werden. Stimmen beispielsweise die Asymmetrieparameter von Kopf und Widerrist überein oder zeigen sie ein gegensätzliches Muster, kann das für die Interpretation relevant sein [1, 3]. Gleichzeitig ist die Situation nicht immer eindeutig. Bei gleichzeitig auftretenden Asymmetrien von Kopf und Becken kann beispielsweise die Zuordnung der ursprünglichen Ursache schwierig sein [3].

Genau hier liegt eine wichtige Grenze der objektiven Ganganalyse. Messbare Bewegungsasymmetrien können Hinweise auf bestimmte Bewegungsmuster geben. Sie können auch dabei helfen, verschiedene Bewegungen voneinander abzugrenzen. Daraus lässt sich aber nicht automatisch ableiten, welche Struktur betroffen ist oder warum das Pferd sich so bewegt [5]. Auch wissenschaftliche Untersuchungen zu Asymmetrie-Grenzwerten weisen darauf hin, dass kleinste gemessene Asymmetrien nicht einfach mit Lahmheit gleichgesetzt werden dürfen [6]. Die objektive Messung liefert also zusätzliche Informationen über die Bewegung. Die Einordnung dieser Informationen in den klinischen Zusammenhang bleibt Aufgabe der tierärztlichen Untersuchung.

Quellen

[1] Buchner, H., Savelberg, H., Schamhardt, H., & Barneveld, A. (1996). Head and trunk movement adaptations in horses with experimentally induced fore- or hindlimb lameness. Equine Veterinary Journal, 28(1), 71–76. DOI: 10.1111/j.2042-3306.1996.tb01592.x.

[2] Kelmer, G., Keegan, K., Kramer, J., Wilson, D., Pai, F., & Singh, P. (2005). Computer-assisted kinematic evaluation of induced compensatory movements resembling lameness in horses trotting on a treadmill. American Journal of Veterinary Research, 66(4), 646–655. DOI: 10.2460/ajvr.2005.66.646.

[3] Persson-Sjodin, E., et al. (2023). Withers vertical movement symmetry is useful for locating the primary lame limb in naturally occurring lameness. Equine Veterinary Journal, 56(1), 76–88. DOI: 10.1111/evj.13947.

[4] Phutthachalee, S., Mählmann, K., Seesupa, S., & Lischer, C. (2021). Upper body movement analysis of multiple limb asymmetry in 367 clinically lame horses. Equine Veterinary Journal, 53(4), 701–709. DOI: 10.1111/evj.13367.

[5] van Weeren, P., Pfau, T., Rhodin, M., Roepstorff, L., Serra Bragança, F., & Weishaupt, M. (2018). What is lameness and what (or who) is the gold standard to detect it? Equine Veterinary Journal, 50(5), 549–551. DOI: 10.1111/evj.12970.

[6] Macaire, C., et al. (2022). Investigation of thresholds for asymmetry indices to represent the visual assessment of single limb lameness by expert veterinarians on horses trotting in a straight line. Animals, 12(24), 3498. DOI: 10.3390/ani12243498

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