Knowledgebase · Ganganalyse

Gangbild verstehen: Vom Schritt zum Bewegungszyklus

Wenn wir die Bewegung eines Pferdes beurteilen, sprechen wir ganz selbstverständlich von seinem „Gangbild“. Doch was bedeutet eigentlich „Gang“? Unter Fortbewegung versteht man zunächst die mechanische Bewegung des Körpers, mit der sich ein Tier von einem Ort zum anderen bewegt. Dabei bewegen sich die verschiedenen Körperteile nicht zufällig, sondern in bestimmten, wiederkehrenden Mustern. Der Gang beschreibt dabei das Koordinationsmuster der Gliedmaßen während dieser Fortbewegung [1–3]. Beim Pferd wiederholen sich die Bewegungen der Gliedmaßen in einem bestimmten zeitlichen Ablauf. Welche Gliedmaße wann den Boden berührt und wie lange sie dort bleibt, bestimmt einen großen Teil des jeweiligen Gangmusters [2, 3]. Dadurch entsteht ein zyklischer Bewegungsablauf: Nach einer bestimmten Abfolge von Bewegungen kehrt das Pferd wieder zu einem vergleichbaren Ausgangspunkt zurück. Gerade diese Regelmäßigkeit macht es überhaupt möglich, die Bewegung eines Pferdes wissenschaftlich zu untersuchen. Statt jeden einzelnen Schritt völlig unabhängig zu betrachten, können mehrere aufeinanderfolgende Bewegungszyklen miteinander verglichen werden.

Was ist ein Gangzyklus?

Ein vollständiger Bewegungszyklus einer Gliedmaße beginnt mit einem definierten Ereignis, beispielsweise dem Auffußen einer bestimmten Gliedmaße, und endet, wenn dieselbe Gliedmaße erneut den Boden berührt [3, 4]. Innerhalb dieses Zyklus lassen sich verschiedene Phasen unterscheiden:

  • Stützphase: Der Huf befindet sich am Boden,
  • Schwungphase: Der Huf befindet sich in der Luft und wird für den nächsten Bodenkontakt nach vorne geführt [3].

Die Stützphase lässt sich weiter unterteilen. Leach et al. unterscheiden beispielsweise eine erste Phase, in der die Bewegung nach dem Auffußen zunächst abgebremst wird, und eine anschließende Phase, in der der Körper wieder nach vorne beschleunigt wird [3].

Genau diese wiederkehrenden Bewegungszyklen bilden die Grundlage für eine objektive Ganganalyse. Eine Videoaufnahme besteht aus vielen einzelnen Bildern. Die darin sichtbaren Bewegungen lassen sich zeitlich ordnen und bestimmten Abschnitten des Gangzyklus zuordnen. Dadurch kann beispielsweise untersucht werden, wann eine bestimmte Gliedmaße den Boden berührt, wie lange die Stützphase dauert oder wie sich bestimmte Körperpunkte während eines Zyklus auf und ab bewegen [1–3]. Auch unterschiedliche Gangarten können sich anhand ihrer zeitlichen Bewegungsmuster unterscheiden. Clayton konnte beispielsweise anhand zeitlicher Variablen Unterschiede zwischen versammeltem Trab, Passage und Piaffe beschreiben [2].

Obwohl bei der Ganganalyse häufig einzelne Gliedmaßen oder Körperpunkte betrachtet werden, entsteht der Gang erst durch das Zusammenspiel des gesamten Bewegungsapparates. Die einzelnen Gliedmaßen müssen zeitlich miteinander koordiniert sein. Gleichzeitig bewegt sich der Rumpf als Reaktion auf diese Bewegungen mit. Deshalb kann man das Gangbild eines Pferdes nicht vollständig beschreiben, indem man nur ein einzelnes Bein betrachtet. Erst das zeitliche Zusammenspiel der verschiedenen Körperteile ergibt das charakteristische Bewegungsmuster eines Ganges.

Eine videogestützte, objektive Ganganalyse ermöglicht es, die Bewegung über mehrere aufeinanderfolgende Gangzyklen zu verfolgen. Dabei werden definierte Körperpunkte erfasst und ihre Positionen über die Zeit ausgewertet. So wird aus einer scheinbar kontinuierlichen Bewegung eine Reihe von messbaren Bewegungsdaten. Und genau darin liegt der Grundgedanke der Ganganalyse: Bewegung wird nicht nur beobachtet, sondern in einzelne, wiederholbare Bewegungsabläufe zerlegt und messbar beschrieben.

Quellen

[1] Barrey, E. (1999). Methods, applications and limitations of gait analysis in horses. The Veterinary Journal, 157(1), 7–22. doi: 10.1053/tvjl.1998.0297.

[2] Clayton, H. M. (1997). Classification of collected trot, passage and piaffe based on temporal variables. Equine Veterinary Journal, 29(S23), 54–57. doi: 10.1111/j.2042-3306.1997.tb05054.x.

[3] Leach, D. H., Ormrod, K., & Clayton, H. M. (1984). Standardised terminology for the description and analysis of equine locomotion. Equine Veterinary Journal, 16(6), 522–528. doi: 10.1111/j.2042-3306.1984.tb02007.x.

[4] Hildebrand, M. (1962). Walking, running, and jumping. American Zoologist, 2(2), 151–155. doi: 10.1093/icb/2.2.151.

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