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„Finger in der Wunde“ von Gerd Heuschmann

Buchcover „Finger in der Wunde“ von Gerd Heuschmann

Es gibt Bücher über Pferde, bei denen man nach dem Lesen ein paar neue Übungen kennt. Und dann gibt es Bücher, bei denen man danach ein bisschen anders auf das Pferd vor einem schaut. „Finger in der Wunde“ von Gerd Heuschmann gehört für mich zur zweiten Kategorie.

Heuschmann beschäftigt sich in dem Buch mit den Auswirkungen, die falsches Training und eine problematische Nutzung auf die Gesundheit und Bewegungsweise des Pferdes haben können. Dabei geht es nicht nur um einzelne Reitfehler, sondern vor allem darum, wie Haltung, Muskulatur, Bewegung und Training zusammenhängen. Ich mag an dem Buch vor allem, dass Heuschmann immer wieder den Blick auf das Pferd selbst lenkt. Nicht darauf, wie eine Bewegung für den Reiter aussieht oder ob eine bestimmte Lektion möglichst spektakulär ausgeführt wird, sondern darauf, was dabei im Körper des Pferdes passiert. Ein zentraler Gedanke des Buches ist deshalb auch, dass die Gesundheit des Pferderückens nicht davon abhängig sein sollte, wie wir das Pferd nutzen möchten. Ein Pferd sollte zunächst körperlich so trainiert werden, dass es die Anforderungen überhaupt gesund bewältigen kann. Das klingt eigentlich selbstverständlich. In der Praxis wird dieser Gedanke aber meiner Meinung nach erstaunlich häufig vergessen.

Besonders eindrücklich fand ich die Beispiele zur Haltung des Pferdes. Heuschmann beschreibt unter anderem Pferde mit einer sehr starken Aufrichtung, bei denen der Hals zwar optisch „hoch“ steht, der Rücken aber gleichzeitig abgesenkt und angespannt sein kann. Auch extreme Kopf-Hals-Positionen mit übermäßig aufgerichtetem Rücken werden kritisch betrachtet. Dabei geht es nicht darum, dass jede Aufrichtung oder jede bestimmte Kopf-Hals-Position automatisch schädlich wäre. Vielmehr zeigt das Buch sehr anschaulich, dass eine äußerlich beeindruckende Haltung nichts darüber aussagt, ob sich das Pferd darin tatsächlich gesund und funktionell bewegt. Gerade diesen Unterschied finde ich wichtig.

Ein Satz aus dem Buch ist mir dabei besonders hängen geblieben: „Die spektakuläre Show auf Kosten der Pferde ist konsequent abzulehnen.“ Denn genau hier liegt für mich eine der großen Stärken des Buches: Es stellt immer wieder die Frage, wohin die Reise eigentlich gehen soll. Was bringt uns eine Lektion, wenn das Pferd dafür seinen Körper nicht sinnvoll einsetzen kann? Was bringt eine bestimmte äußere Form, wenn sie mit Verspannung, eingeschränkter Bewegung oder einer unphysiologischen Körperhaltung erkauft wird? Und vor allem: Was wollen wir eigentlich erreichen, und was braucht das Pferd dafür körperlich?

Was ich an Finger in der Wunde außerdem mag, ist die Verbindung aus anatomischen und biomechanischen Zusammenhängen mit konkreten Fallbeispielen. Das Buch bleibt dadurch nicht bei abstrakten Erklärungen stehen. Anhand von Abbildungen und Beispielen wird gezeigt, wie sich bestimmte Haltungen auf den Körper auswirken können und welche Veränderungen daraus entstehen können.Gerade für Menschen, die sich intensiver mit Pferdegesundheit, Biomechanik und Training beschäftigen möchten, finde ich das sehr hilfreich. Man muss dabei nicht jede Aussage des Buches als unumstößliche Wahrheit betrachten. Die grundlegende Herangehensweise finde ich aber nach wie vor sehr wertvoll: Erst verstehen, was im Pferdekörper passiert, und dann überlegen, wie wir trainieren wollen.

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