Einfluss von Bewegungsmangel in der Aufzucht

Wie viel Bewegung braucht ein junges Pferd eigentlich? Und was passiert, wenn ein Fohlen sehr wenig oder bereits früh relativ intensiv bewegt wird? Mit genau diesen Fragen haben sich mehrere experimentelle Studien beschäftigt. Dabei wurden unter anderem die spontane Bewegung von Fohlen, die Entwicklung von Knochen und Gelenken sowie die Auswirkungen zusätzlicher Trainingsbelastung untersucht [1–4]. Die Ergebnisse zeigen vor allem eines: Nicht nur die Menge der Bewegung ist entscheidend, sondern auch deren Art und Intensität.
Fohlen bewegen sich bereits in den ersten Lebensmonaten sehr viel. In einer Studie von Kurvers et al. [1] wurde die spontane Fortbewegungsaktivität von 59 Fohlen unter unterschiedlichen Haltungsbedingungen untersucht. Über die ersten vier Lebensmonate wurden insgesamt 921 Beobachtungszeiträume ausgewertet. Dabei wurde deutlich, dass Fohlen einen großen Teil ihrer Zeit mit Bewegung verbringen. Die Untersuchung zeigt damit, dass Bewegung bereits früh einen wesentlichen Bestandteil des natürlichen Verhaltens junger Pferde darstellt. Interessant ist dabei, dass Bewegung nicht ausschließlich aus gezieltem Training besteht. Gerade bei Fohlen entsteht ein großer Teil der körperlichen Belastung durch die normale spontane Aktivität.
Auch Knochen reagieren auf Belastung
Wie sich unterschiedliche Bewegungsbedingungen auf das sich entwickelnde Skelett auswirken, wurde unter anderem von van Weeren et al. [2] untersucht. Dafür wurden 43 Fohlen bis zum Absetzen im Alter von fünf Monaten unter unterschiedlichen Bedingungen aufgezogen. 15 Fohlen blieben auf der Weide, 14 wurden in Boxen gehalten und 14 weitere wurden ebenfalls in Boxen gehalten, erhielten aber zusätzlich täglich eine zunehmende Anzahl von Galoppsprints. Anschließend wurde unter anderem die Knochenmineraldichte untersucht. Die Ergebnisse zeigten, dass sich die Knochenentwicklung unter den verschiedenen Bewegungsbedingungen unterschied. Damit lässt sich zumindest für die untersuchten Bedingungen zeigen, dass die mechanische Belastung während der Wachstumsphase einen Einfluss auf die Entwicklung des Skeletts hat.
Noch deutlicher wird dieser Zusammenhang in einer weiteren Untersuchung von van de Lest et al. [3]. Auch hier wurden Fohlen bis zum Absetzen mit unterschiedlichen Bewegungsmöglichkeiten aufgezogen. Die Weidegruppe konnte sich frei bewegen, während eine zweite Gruppe in Boxen gehalten wurde. Eine dritte Gruppe erhielt zusätzlich zu dieser Boxenhaltung täglich zunehmend intensive Galoppsprints. Bei der Untersuchung von Gelenkknorpel und subchondralem Knochen zeigte sich, dass fehlende Bewegung die normale Entwicklung der untersuchten Gelenkgewebe verzögerte. Wurden die Tiere anschließend wieder unter normaleren Bewegungsbedingungen gehalten, konnten sich viele dieser Veränderungen teilweise wieder ausgleichen. Interessant ist aber auch die andere Seite: Die Gruppe mit zusätzlicher intensiver Belastung zeigte im Alter von fünf Monaten zwar bei vielen untersuchten Parametern ähnliche Werte wie die Weidegruppe. Mit elf Monaten gab es jedoch Hinweise auf eine schlechtere Funktion beziehungsweise Belastbarkeit der untersuchten Gewebe. Die Autor:innen kamen deshalb zu dem Schluss, dass regelmäßige, submaximale Belastung, wie sie bei der Weidehaltung auftritt, für die Entwicklung des Bewegungsapparates günstig erscheint. Die Kombination aus Boxenruhe und kurzen, intensiven Belastungen schnitt dagegen langfristig ungünstiger ab [3].
Eine weitere Studie untersuchte deshalb gezielt, ob sich zusätzliche Bewegung während des Wachstums sinnvoll in die Aufzucht integrieren lässt. Rogers et al. [4] verglichen 33 Vollblutfohlen, die entweder auf der Weide aufgezogen wurden oder zusätzlich zu ihrer normalen Haltung ein progressiv gesteigertes, bahnbezogenes Trainingsprogramm erhielten. Die zusätzlich trainierten Fohlen absolvierten dabei eine höhere körperliche Belastung als die Kontrollgruppe. Untersucht wurden unter anderem klinische Befunde am Bewegungsapparat sowie radiologische Veränderungen und verschiedene weitere Parameter während der Wachstumsphase. Die Untersuchung zeigt damit einen wichtigen Unterschied zwischen normaler Bewegung während des Wachstums und einem gezielt erhöhten Trainingsumfang: Zusätzliche Belastung ist eine andere Belastungssituation als die freie Bewegung eines Fohlens auf der Weide [4].
Was bedeutet das für die Aufzucht?
Aus diesen Studien lässt sich nicht einfach die Regel ableiten, dass „je mehr Bewegung, desto besser“ gilt. Die Untersuchungen zeigen vielmehr unterschiedliche Effekte verschiedener Belastungsformen:
- spontane Bewegung gehört zur normalen Aktivität von Fohlen [1],
- die Bewegungsbedingungen während des Wachstums beeinflussen die Entwicklung des Skeletts [2],
- fehlende Bewegung kann die Entwicklung von Gelenkgeweben verzögern [3],
- sehr intensive Belastungen unter eingeschränkten Haltungsbedingungen können sich anders auswirken als regelmäßige, submaximale Bewegung [3],
- zusätzliches Training während des Wachstums ist nicht dasselbe wie freie Bewegung auf der Weide [4].
Gerade bei jungen Pferden scheint deshalb vielmehr die Frage im Vordergrund zu stehen, welche Art von Bewegung in welcher Entwicklungsphase sinnvoll ist. Und genau hier wird das Konzept der jeweiligen Aufzucht interessant: Das Skelett, die Gelenke und der gesamte Bewegungsapparat befinden sich noch in Entwicklung. Bewegung ist dabei nicht einfach nur Energieverbrauch oder „Training“, sondern ein Teil der mechanischen Umwelt, in der sich der Körper entwickelt. Die Studien machen außerdem deutlich, warum man zwischen freier Bewegung und gezieltem Training unterscheiden sollte. Ein Fohlen, das sich auf einer Weide selbstständig bewegt, entscheidet ständig über Richtung, Geschwindigkeit und Dauer seiner Aktivität. Ein Trainingsprogramm gibt dagegen bestimmte Bewegungsformen und Belastungen vor. Das bedeutet nicht, dass gezielte Bewegung grundsätzlich problematisch ist. Es bedeutet aber, dass zusätzliche Belastung während des Wachstums nicht einfach mit der normalen Aktivität eines Fohlens gleichgesetzt werden kann [1–4].
Quellen
[1] Kurvers CMH, van Weeren PR, Rogers CW, van Dierendonck MC. Quantification of spontaneous locomotion activity in foals kept in pastures under various management conditions. American Journal of Veterinary Research. 2006;67(7):1212–1217. doi: 10.2460/ajvr.67.7.1212.
[2] van Weeren PR, et al. Influence of exercise on bone mineral density of immature cortical and trabecular bone of the equine metacarpus and proximal sesamoid bone. Equine Veterinary Journal Supplement. 1999;31:36–40. doi: 10.1111/j.2042-3306.1999.tb05316.x.
[3] van de Lest CHA, Brama PAJ, van Weeren PR. The influence of exercise on the composition of developing equine joints. Equine Veterinary Journal. 2002;34(S34):86–90. doi: 10.1177/0006355X2002039001002020.
[4] Rogers CW, Firth EC, McIlwraith CW, Barneveld A, Goodship AE, Kawcak CE, Smith RKW, van Weeren PR. Evaluation of a new strategy to modulate skeletal development in Thoroughbred performance horses by imposing track-based exercise during growth. Equine Veterinary Journal. 2008;40(2):111–118. doi: 10.2746/042516408X268923
