Die Grenzen der menschlichen Wahrnehmung
Die Bewegung eines Pferdes mit dem Auge zu beurteilen, ist für geübte Menschen selbstverständlich. Trotzdem ist unsere visuelle Wahrnehmung nicht unbegrenzt. Gerade kleine Unterschiede in Bewegungsamplitude, Geschwindigkeit oder Symmetrie können schwierig zu erkennen sein [1–3]. Das bedeutet nicht, dass eine visuelle Beurteilung grundsätzlich unzuverlässig ist. Es zeigt vielmehr, dass die menschliche Wahrnehmung bei sehr kleinen Bewegungsunterschieden an Grenzen stoßen kann.
Kleine Asymmetrien sind nicht immer leicht zu erkennen
Wie groß ein Bewegungsunterschied sein muss, damit wir ihn überhaupt zuverlässig wahrnehmen, wurde beispielsweise von Parkes et al. [1] untersucht. In ihrer Studie betrachteten 12 erfahrene Veterinärmediziner:innen und 24 Studierende computergenerierte Bewegungen, die unter anderem auf Bewegungsdaten lahmer und nicht offensichtlich lahmer Pferde basierten. Die Teilnehmer:innen sollten entscheiden, ob die dargestellte Bewegung symmetrisch oder asymmetrisch war. Bei den künstlich erzeugten Bewegungen lag die Schwelle zur Erkennung einer Bewegungsasymmetrie bei ungefähr 25 % Unterschied in der Amplitude. Das ist allerdings wichtig einzuordnen: Die 25 % sind kein allgemeingültiger Grenzwert dafür, ab wann ein Pferd asymmetrisch oder lahm ist. Sie beschreiben die Wahrnehmungsleistung der untersuchten Personen unter den Bedingungen dieser konkreten Studie. Interessant war außerdem, dass erfahrene und unerfahrene Personen bei den künstlich erzeugten Bewegungen keinen signifikanten Unterschied in der Erkennungsleistung zeigten. Bei den Bewegungen, die auf realen Pferdedaten beruhten, schnitten die erfahrenen Personen dagegen besser ab [1].
Auch Geschwindigkeit ist mit dem Auge schwer einzuschätzen
Unsere visuelle Wahrnehmung hat nicht nur bei Symmetrie ihre Grenzen. Auch Veränderungen der Geschwindigkeit können schwierig zu erkennen sein. Haarmeier und Thier [2] untersuchten, wie gut Menschen Geschwindigkeitsänderungen eines sich bewegenden Zielobjekts erkennen können. Bei stationärer Fixation war das visuelle System vergleichsweise unempfindlich gegenüber solchen Geschwindigkeitsänderungen. Durch Augenfolgebewegungen verbesserte sich die Wahrnehmung zwar, blieb aber dennoch eine begrenzte Aufgabe. Dabei handelt es sich um keine Studie mit Pferden, deshalb lassen sich die Ergebnisse nicht einfach auf die Beurteilung eines trabenden Pferdes übertragen. Sie zeigt aber einen grundlegenden Aspekt der menschlichen Bewegungswahrnehmung: Geschwindigkeitsänderungen sind nicht immer so offensichtlich, wie sie uns subjektiv erscheinen.
Auch die Wahrnehmung von Symmetrie selbst funktioniert nicht unter allen Bedingungen gleich gut. Huang, Pashler und Junge [3] untersuchten in mehreren Experimenten, wie Menschen symmetrische und nahezu symmetrische Muster wahrnehmen. Dabei zeigte sich unter anderem, dass die Erkennung feinerer Symmetrieunterschiede mehr Zeit beziehungsweise eine genauere visuelle Verarbeitung erfordern kann. Die Autor:innen beschreiben die menschliche Symmetrieerkennung deshalb als einen Prozess, der bei grober Beurteilung relativ schnell funktioniert, bei detaillierteren Unterschieden aber anspruchsvoller wird [3]. Übertragen auf die Bewegung eines Pferdes bedeutet das nicht, dass wir kleine Asymmetrien grundsätzlich nicht sehen können. Vielmehr wird die Beurteilung schwieriger, je subtiler der Unterschied ist und je genauer die Bewegung analysiert werden soll.
Eine weitere interessante Grenze liegt nicht im Auge selbst, sondern in der Interpretation dessen, was wir sehen. Arkell et al. [4] untersuchten die Beurteilung von Lahmheiten vor und nach diagnostischen Nervenblöcken. 18 Beobachter:innen beurteilten acht Pferde. Die vergebenen Lahmheitsgrade wurden dadurch beeinflusst, ob die Beobachter:innen wussten, dass ein Nervenblock durchgeführt worden war. Wussten die Beobachter:innen von der durchgeführten Lokalanästhesie, veränderte sich ihre Einschätzung im Mittel um 0,4 Lahmheitsgrade [4].
Das ist ein Beispiel dafür, dass nicht nur die Wahrnehmung selbst, sondern auch Erwartungen und Vorwissen die Interpretation einer Bewegung beeinflussen können. Eine visuelle Beurteilung und eine objektive Messung verfolgen deshalb zwei unterschiedliche Ansätze. Beim Beobachten müssen wir Bewegungen erkennen, vergleichen und interpretieren. Bei einer objektiven Ganganalyse wird dagegen zunächst die Position definierter Körperpunkte über die Zeit erfasst. Dadurch können Bewegungsverläufe quantitativ beschrieben und über mehrere Bewegungszyklen miteinander verglichen werden. Das bedeutet nicht, dass eine Messung automatisch jede Bewegung besser oder richtiger erklärt. Sie kann aber dort zusätzliche Informationen liefern, wo Unterschiede mit dem bloßen Auge schwer einzuschätzen sind. Und genau deshalb ist es bei der Ganganalyse interessant, nicht nur zu fragen, ob eine Bewegung asymmetrisch aussieht, sondern wie groß der Unterschied tatsächlich ist.
Die genannten Studien zeigen also keine universelle Grenze dafür, was Menschen bei einem Pferd sehen können. Sie zeigen vielmehr verschiedene Aspekte menschlicher Wahrnehmung:
- Bewegungsasymmetrien können je nach Ausmaß schwer zu erkennen sein [1].
- Geschwindigkeitsänderungen sind visuell nicht immer leicht wahrzunehmen [2].
- Subtile Symmetrieunterschiede können eine genauere Verarbeitung erfordern [3].
- Und Erwartungen können die Interpretation einer beobachteten Bewegung beeinflussen [4].
Gerade bei der Beurteilung von Bewegungsasymmetrien ist deshalb eine Kombination aus erfahrener Beobachtung und objektiv erfassbaren Bewegungsdaten interessant. Die Messung ersetzt dabei nicht die tierärztliche Beurteilung, sondern kann zusätzliche Informationen über das tatsächliche Bewegungsmuster liefern.
Quellen
[1] Parkes RSV, Weller R, Groth AM, May S, Pfau T. Evidence of the development of ‘domain-restricted’ expertise in the recognition of asymmetric motion characteristics of hindlimb lameness in the horse. Equine Veterinary Journal. 2009;41(2):112–117. doi: 10.2746/042516408X343000.
[2] Haarmeier T, Thier P. Detection of speed changes during pursuit eye movements. Experimental Brain Research. 2006;170(3):345–357. doi: 10.1007/s00221-005-0216-6.
[3] Huang L, Pashler H, Junge JA. Are there capacity limitations in symmetry perception? Psychonomic Bulletin & Review. 2004;11(5):862–869. doi: 10.3758/BF03196713.
[4] Arkell M, Archer RM, Guitian FJ, May SA. Evidence of bias affecting the interpretation of the results of local anaesthetic nerve blocks when assessing lameness in horses. Veterinary Record. 2006;159(11):346–348. doi: 10.1136/vr.159.11.346.
